Seite "lyrisches Gedicht" mit dem Titel "Wieviele Tote kostet ein Landdiebstahl?"
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1973 - 2003
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"Wieviele Tote kostet ein Landdiebstahl?"

Ein lyrisches Gedicht
von Lienhard Pallast



im kindergarten
wurde einst
erzählt, wie es
mit jericho
gewesen war.

„ ... da zog ein großes judenheer
aus einem weit entfernten land
vor die mauern einer stadt
namens jericho.

juden bliesen auf posaunen,
und die mauern dieser stadt
fielen einfach um.
bumm."

hei, das war zum lachen schön.
„kinder, nehmt kartons und schachteln,
denn wir bauen eine stadt,
die ‘ne große mauer hat.
stellt euch alle dann davor,
schiebet all mit voller kraft,
und die mauer stürzt dann ein,
wie zuvor bei jericho."

und die mauer fiel auch um.
bumm.

das gab fürwahr ein groß geschrei
und helles lachen nebenbei.
sonst passierte keinerlei
unglück.

was sollte auch besonderes,
fürchterliches, schreckliches,
hier im ernst geschehen sein?

wer von heute hat die sicht,
unverzerrt auf jericho?
wer kann sehn, wie es zuvor
in alten zeiten wirklich war?

menschen so wie du und ich,
dumm und klug,
arm und reich,
klein und groß,
dick und dünn,
lebten gern in jericho.

menschen, die wohnten,
und liebten,
und land bebauten,
und handel trieben,
und sex hatten,
und gut waren,
und böse waren,
und soffen,
und hurten,
und kinder großzogen,
und glücklich waren.

jedoch einen andern gott
als den fremden judengott
verehrten.

„das ist ihr verbrechen",
sagten die juden in jenen tagen,
„drum sind sie jetzt
freigegeben zum abschuß,
zu mord und totschlag
aller bewohner
auf gottes heiligen befehl
im heiligen bann,
zur plünderung
allen besitzes
und entwendung
von grund und boden!
so steht’s in der bibel,
dem ewigen buch der bücher,
dem heiligen buch gottes,
frei gegeben zum nachlesen.

und die juden erstürmten
nach dem fall der mauer
die stadt mit dem hübschen
prosaisch gewordenen namen
jericho.

die einwohner,
mit männern jung und alt,
und frauen jung und alt,
und kindern jung und alt,
wurden sämtlich massakriert.
im namen des heiligen gottes.
fielen sämtlich durch das schwert
der juden
im heiligen bann
bis in die leichenstarre,
weil sie nicht überlebten.
denn der heilige gott
wollte es so,
sagten die juden, weil die leute dort
den gott der juden
einfach nicht verehren mochten.

„nein, das war kein landdiebstahl",
sagen juden heutzutage,
nicht vor scham
tief errötend
und verlegen.
„gott persönlich gab das land
uns juden, die er auserwählt.
dafür müssen wir uns doch
nicht entschuldigen?
für gottes wort entschuldigen?
wie, bitte?
wo kämen wir denn da
überhaupt hin?"

neue zeiten, alte sitten,
wieder haben juden
land gestohlen,
das nicht ihres war.
denn es war
kein menschenleeres land.

dort wohnten schon
seit langer zeit
menschen so wie du und ich.
arabische ureinwohner,
palästinenser.
dumm und klug,
arm und reich,
klein und groß,
dick und dünn,
die wohnten,
und liebten,
und land bebauten,
und handel trieben,
und sex hatten,
und gut waren,
und böse waren,
und soffen,
und hurten,
und kinder großzogen,
und glücklich waren.

und wieviel tote kostet dieser
neue landdiebstahl?

ureinwohner,
die nicht schnell
flüchteten,
wurden bedrängt,
wie sklaven behandelt,
ihrer menschenrechte beraubt,
so, wie früher
in südafrika
die weißen
mit den schwarzen
verfuhren.
auf jahrzehnte in lager gesteckt.
bis heute.
gedemütigt,
gefoltert.
in lagern,
in ihren häusern
und auf der straße
massakriert,
männer jung und alt,
und frauen jung und alt,
und kinder jung und alt,
auch in sabra und shatila
und in dschenin,
auf der straße abgeknallt.
ohne gerichtsverfahren
mit nachfolgendem urteil.

das dumme war,
der ureinwohner gott
war mittlerweile
längst der gott
der juden, die das land
schon wieder stahlen,
geworden.

das ist die einfache logik
barbarischen
tötens und
mordens.

das ist die neue dimension
barbarischer religionen,
wie sie schrecklicher
nicht sein können.

wer fürchtet sich vor gott?
wer fürchtet sich vor’m schwarzen mann?
niemand?
wirklich niemand?

und nun wundern sich die neuen juden
über der gedemütigten
widerstand,
terrorismus,
selbstmordattentate,
geduld und
unerschöpfliche hoffnung,
dort wieder zu wohnen,
wo einst ihre heimat,
aus der sie vertrieben.

als die nazigeformten deutschen
rußland unterjochen wollten,
hatten sie keinen gott
des religionsrassismus
im rücken,
der ihnen befahl,
rußlands erde zu stehlen
und die bevölkerung
im unheiligen bann
mit dem schwert zu massakrieren
oder mit der pistole
oder mit der maschinenpistole
oder mit dem gas
oder mit der waffe hunger.
wohl aber
hitler,
himmler,
göbbels,
eichmann,
und sonstige ersatzgötter
eines genetischen rassismus.

die neuen juden haben keinen
hitler,
himmler,
göbbels,
eichmann
und sonstige ersatzgötter
eines genetischen rassismus.
nur ihren gott aus alter zeit.
der ist ihnen genug,
all das wieder zu erledigen,
was vor tausenden von jahren
in jericho
im namen dieses gottes
begonnen wurde.

jetzt fallen schon wieder menschen um.
bumm.

wenn derart viel umfällt,
fällt uns zivilisierten zuschauern
nichts dabei ein?
oder sind wir
wie die neuen juden
etwa auch nicht zivilisiert?
auch barbaren?
religionsrassisten?
mörder?
immer noch
gott lobende
schänder
und
schinder?

wir lesen immer noch
träge und gedankenlos
in biblischen schriften.
auch über texte von jericho.
dort fiel hauptsächlich so hübsch
und pittoresk
bei posaunenschall
die ganze stadtmauer um.
bumm.

mehr fällt uns, den oberflächlichen
und nichtwissenden
und nicht lernenden,
wenn über diese
hübsche story berichtet wird,
immer
noch
nicht
ein.

ich fürchte diesen
gott
und alle,
die ihn
loben.

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Tag der letzten Bearbeitung: 08.01.07