Leseprobe »1000 Büroklammern sind 1000 Büroklammern« aus »Das verstopfte Posthorn«

1973 - 2003
30 Jahre Verlag

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Mitten in der Arbeit kam mir der Gedanke, wieviel Büroklammern wohl ein Karton enthält, auf dem groß zu lesen war: »Inhalt 1.000 Stück«. Ich rechnete mühelos aus daß die Post geschädigt würde, wenn in jeder Packung, die sie kauft, nur je 5 Stück fehlten. Bei 50 Packungen würden gleich 250 Stück fehlen, bei 1.000 Packungen gleich 5.000 Stück und bei 10.000.000 Packungen würden sage und schreibe 50.000.000 Stück fehlen. Diese Erkenntnis ließ mich nicht mehr zur Ruhe kommen, und so schüttete ich kurzentschlossen den Inhalt einer unangebrochenen Packung aus und begann eifrig, den Inhalt nachzuzählen.
In 15 Minuten war ich fertig und stellte fest, daß in der Packung drei Büroklammern fehlten, denn es waren nur 997 Stück vorhanden. Das war ein Präzedenzfall, mit dem ich ganz allein und in persönlicher Verantwortung fertig werden mußte. Ich entschloß mich, bei der Lieferfirma, die auf der Packung vermerkt war, eine schriftliche Beschwerde einzureichen, denn schon im zarten Knabenalter hatte ich gelernt: »Wehret den Anfängen!«
Um noch ganz sicher zu gehen, zählte ich zum zweitenmal durch. Jetzt fehlten nur noch 2 Stück. Hatte ich mich geirrt? Konnte ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, in einem Beschwerdeschreiben an die Lieferfirma unwahre Angaben anzuführen? Nein! Schließlich hatte ich einen Beamteneid geschworen und besaß die besonders wertvolle postalische Beamten-Ethik. Also zählte ich nochmals durch. Jetzt fehlten 4 Stück. Um ganz sicher zu gehen, zählte ich bis zum Abend mehrmals durch und kam in den nächsten Tagen nach Anwendung mathematischer Regeln der Häufigkeitsverteilung aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu dem wissenschaftlichen Ergebnis, daß drei Büroklammern tatsächlich fehlten.
Ich setzte ein forsches Beschwerdeschreiben auf und erhielt nach drei Tagen die Antwort der Lieferfirma, es könne gut sein, daß die Stückzahl nicht gestimmt habe, weil man aus Rationalisierungsgründen die Büroklammern vor dem Verpacken nicht abzählen, sondern abwiegen würde. Um aber mangelhafte Lieferungen in Zukunft auszuschließen, würde man ab sofort jeder Packung zusätzlich 10 Büroklammern beifügen.
Ein Postheamter ist nicht irgendein Mensch, sondern ein Lebewesen, das aufrichtig und gradlinig denkt. Mir widerstrebte es, mehr Büroklammern entgegenzunehmen, als die Postverwaltung bezahlt hatte. Ich sah also keine andere Möglichkeit, als einen Bericht an die Oberpostdirektion zu verfassen, worin ich um grundsätzliche Klärung und Stellungnahme bat. Die Oberpostdirektion antwortete in einem Zwischenbescheid, daß sie die Verantwortung nicht ohne weiteres übernehmen könne. Man habe in zwei weiteren Schreiben Stellungnahmen des Posttechnischen Zentralamts und des Ministeriums angefordert.
Nach zwei Jahren entschieden Posttechnisches Zentralamt und Ministerium in einheitlicher Auffassung: Büroklammern werden nicht mehr gekauft, sondern in eigener Produktion hergestellt.
Seitdem gibt es Packungen mit Büroklammern, auf denen ein gelbes Posthorn aufgedruckt ist. Die Stückzahl 1.000 ist zwar nicht aufgedruckt, aber ich habe zur Probe 200 Packungen nachgezählt, und jede Packung enthielt genau 1.000 Stück, was mich nicht überraschte, denn die Postbeamten, die die Packungen ordentlich füllen, arbeiten nach dem ehrwürdigen postalischen Prinzip, daß jeder Postler mehr sein müsse, als er scheine.

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