Leseprobe »Flucht nach Dienstvorschrift« aus »Das verstopfte Posthorn«

1973 - 2003
30 Jahre Verlag

home .....Bücher / books .... Aufsätze / essays (mit Aufsätzen "Israel heute") .....Adressen + Termine
Verlagsbeschreibung / publishers description ............art edition .......... ..

oder: Zurück zur Vorseite

Hier die authentische Fotografie (Originalfoto, leider nur in Schwarz-Weiß) aus dem Treppenhaus des nicht mehr bestehenden alten Postscheckamts Köln, Treppenhaus B, damit ersichtlich wird, daß der Autor wahrheitsgemäß berichtet hat und die Dinge sich im beamtentechnischen Bereich häufig ziemlich skurril zugetragen haben.

Vor kurzem geschah es, daß eine Terroristengruppe in unserer Stadt damit drohte, alle öffentlichen Gebäude in die Luft zu sprengen. Nach längerem Überlegen entschloß sich unser Amtsvorsteher, bei der Oberpostdirektion schriftlich anzufragen, ob unser Postamt auch zu den öffentlichen Gebäuden zähle. Die Oberpostdirektion bejahte und gab Anordnung, einen Fluchtplan auszuarbeiten, so daß bei Bombenalarm das Postamt in kürzester Zeit geräumt werden könne. Der Räumungsplan solle alle Amtsangehörigen und amtsfremden Besucher berücksichtigen. Also setzte sich der Amtsvorsteher mit seinen Abteilungsleitern an einen Tisch und diskutierte über Räumungsverfahren. Komplizierte Räumungsverfahren mit Hubschraubertransporten vom Dach oder Anwendung von Notrutschen wurden verworfen. Einmütig entschloß man sich für den Plan des Abteilungsleiters II , der einen genialen Fluchtplan erfand. Nach diesem Vorschlag sollten bei Bombenalarm ganz einfach die Treppenhäuser als Fluchtwege benutzt werden. Der Plan war auch deshalb überaus zweckmäßig, weil er sich ohne besondere Kosten verwirklichen ließ. Als der Abteilungsleiter IV noch wissen wollte, wie denn amtsfremde Besucher die Treppenhäuser finden sollten, schlug der Abteilungsleiter II vor, die Wege dorthin mit farbigen Pfeilen, die an die Wände zu pinseln waren, zu markieren. Bei Bombenalarm sollten lautstarke Sirenen – in jedem Raum aus Sicherheitsgründen doppelt zu installieren – aufheulen.

Der Vorschlag wurde akzeptiert, und schon nach zwei Wochen sah man, gleich wo man sich befand, viele bunte Pfeile an den Wänden. Anfangs glaubte das Personal, daß eine Kunstausstellung im Gange sei. Als aber nach weiteren drei Wochen eine Verfügung im Amt rundlief, wußte man um die Bedeutung der Pfeile. Den Inhalt der Verfügung schärfte ich dem Personal meiner Stelle ein. Die Beschäftigten rief ich zusammen und hielt eine kurze Rede:

»Alle mal aufgepaßt! Ihr wißt doch, daß unser Amt in die Luft gesprengt werden soll. Das können wir zwar nicht verhindern (Zwischenruf: »Hoffentlich!«), aber wir wollen versuchen, bei Bombenalarm unser Leben zu retten. Wenn Bombenalarm gegeben wird, hört ihr das natürlich an der Sirene, und jeder verläßt das Amt nach dem Fluchtplan, den ich hier bekanntgebe. Kapiert? Damit jeder das Amt so schnell wie möglich verlassen kann, genügt es nicht, zu wissen, wo die Treppenhäuser sich befinden. Klar? Wir richten uns auf jeden Fall nach den Fluchtpfeilen. Grüne Fluchtpfeile weisen zum Treppenhaus A, gelbe zum Treppenhaus B, rote zum Treppenhaus C, blaue zum Treppenhaus D und schwarze zum Treppenhaus E. Also, ich wiederhole ... .«

Natürlich hatte kein Mensch aufgepaßt, und ich mußte alle Farben mehrmals wiederholen. Nach drei Stunden konnte ich den Dienstunterricht beenden. Jeder wußte, wohin er zu flüchten hatte.
Am nächsten Tag war das Wissen um die Fluchtpfeile nur noch bei Postoberschaffner Schaffele vorhanden, was sich für ihn als lebensgefährlich herausstellen sollte; nachmittags gegen 15 Uhr gab es Bombenalarm. Alles rannte kopflos nach unten, um die Ausgänge zu erreichen. Die bunten Fluchtpfeile waren vergessen, denn jeder kannte sich ja aus. Amtsfremde Besucher folgten dem Flüchtlingsstrom, so daß nach wenigen Minuten das Amt wie ausgestorben schien. Nur Schaffele, der im 7. Stockwerk arbeitete, löste sein Fluchtproblem streng nach Vorschrift. Sorgfältig studierte er an einem Mauervorsprung grüne, gelbe, rote und schwarze Fluchtpfeile, allerdings ohne Erfolg, denn er war farbenblind. Schaffele gab aber nicht auf. Er vertraute einem Fluchtpfeil, von dem er annahm, daß er grün sei, und gelangte auf diese Weise vom 7. Stockwerk zum 4. Stockwerk. Dort war aber der grüne Fluchtpfeil auf eine grüne Wand gemalt worden, und so wurde Schaffele, ohne es zu merken, von einem roten Fluchtpfeil über mancherlei Umwege wieder zum 7. Stockwerk zurückgeführt. Ehe Schaffele stutzig wurde, war er schon fünfmal die Strecke auf- und abgelaufen.

Inzwischen kam die Polizei und drang vorsichtig, mit Maschinenpistolen bewaffnet, in das Gebäude ein. Auf dem 4. Stockwerk erkannte ein Polizist eine ihm verdächtige Person, die in großer Eile auf das 5. Stockwerk zu entkommen suchte. Es war Schaffele, immer noch auf seinem Fluchtweg. Als er den Polizisten sah, glaubte er, einen verkleideten Terroristen vor sich zu haben, und flüchtete in den nächsten Raum und schlug die Tür zu. Der Polizist glaubte, einen Terroristen, verkleidet als Postbeamten, vor sich zu haben, und schoß zweimal durch die Tür, so aufgeregt war er. Schaffele traf er in den Rücken. Das überlebte Schaffele nicht.

Der Polizist wurde von der Anklage der fahrlässigen Tötung freigesprochen, weil er einwandfrei in Notwehr gehandelt hatte (meinte das Gericht). Wir aber trauerten aufrichtig um Schaffele und sammelten für einen ganz großen Kranz, der auf reizvolle Art so geschmückt ward, daß er die Farben grün, gelb, rot, blau und schwarz aufwies.

Zurück zur Vorseite