Aufsätze und Essays zum Thema "Israel heute"

Hier: Offener Brief eines Palästinensers, des evangelischen Pfarrers Raheb, an den amerikanischen Präsidenten

1973 - 2003
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Siehe auch Fakten, Meldungen und Meinungen zum Terroranschlag auf das World Trade Center New York am 11. September 2001 vorzugsweise für Querdenker

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»Menschenrechte in Palästina«

Die Generation, die in Nazi-Deutschland vor mir lebte, hatte 1933 bis 1945 weitestgehend weggesehen, als die Nazis und die Wehrmacht und die SS ihre Verbrechen begingen.

Seit der israelischen Staatsgründung und auch heutzutage noch begehen die Israelis Verbrechen an den Palästinensern, und die Welt sah und sieht immer noch weg. Im Februar 2001 wurde Scharon, den die Menschen häufig "den Schlächter von Sabra und Shatila" nennen, zum Ministerpräsidenten gewählt. Ich habe lange genug weggesehen und will nicht mehr weitermachen wie bisher. Daher stelle ich diesen Offenen Brief in das Internet, in der Hoffnung, bei Unbelehrbaren höchstes Mißfallen zu erregen und bei nicht bescheuklappten Menschen Nachdenklichkeit und Betroffenheit. Näheres zu israelischen Verbrechen habe ich in meiner Schrift "Vom Glockenklang zum Kriegsgesang" niedergelegt.


Ein Offener Brief des evangelischen Pfarrers Mitri Raheb, eines evangelischen Palästinensers, an den US-Präsidenten

Gefunden in Publik Forum, Zeitung kritischer Christen, Nummer 4 vom 23.02.2001

"Menschenrechte in Palästina
VON MITRI RAHEB


Herr Präsident der USA, gestatten Sie mir, dass ich mich vorstelle. Ich bin ein palästinensischer Christ, geboren und aufgewachsen in Bethlehem. Ich bin Pfarrer an der lutherischen Geburtskirche und Direktor des ökumenischen Internationalen Zentrums Bethlehem.

Heute sollte ich mit meiner Frau, die eine »Green Card« für die USA besitzt, in Ihrem Land eintreffen. Freunde und Mitchristen aus Florida, Illinois, Kansas und Missouri hatten uns eingeladen. Sie waren auf unseren Besuch eingestellt, so wie wir auch. Sie hatten sich in den vergangenen drei Monaten sehr bemüht, für mich eine Reihe von Vorträgen, Predigten und wichtigen Treffen zu organisieren. Stattdessen sitze ich jedoch heute hier in Bethlehem und schreibe Ihnen diesen Brief. Ich weiß, dass Ihnen der Frieden in dieser Region ein großes Anliegen ist...

Ich möchte Ihnen eine einfache Frage stellen. Was brauchte ein Amerikaner noch außer einem gültigen Pass, Visum und Fahrkarte, um ins Ausland zu fahren? Ich vermute, nicht viel mehr. Für einen Palästinenser hingegen sieht so etwas ganz anders aus. Ein Palästinenser darf sein Land ohne Reisegenehmigung nicht verlassen. Für mich, der ich in Bethlehem lebe, werden diese Genehmigungen von Israels Militär ausgestellt, das neun Kilometer südlich von Bethlehem in der illegal gebauten Siedlung Gosh Ezion stationiert ist. Aber wie kann ich nach Gosh Ezion gelangen, wenn Bethlehem abgeriegelt ist und man sich in seinem Auto mit dem palästinensischen grünen Nummernschild nur innerhalb eines Radius von 1,5 Kilometern bewegen darf? Zunächst einmal musste ich mir ein Taxi mit einem gelben Nummernschild organisieren, um auf einer der so genannten Umgehungsstraßen fahren zu können, die auf palästinensischem beschlagnahmten Boden gebaut wurden, aber hauptsächlich für israelische Siedler gedacht sind. Ich erwischte so ein Taxi an einer der vielen Straßensperren, die die Israelis errichtet haben, um Bethlehems Ortsteile zu zerstückeln. Als wir unser Ziel endlich erreicht hatten, legten meine Frau und ich unseren Antrag vor. Uns wurde mitgeteilt, dass Palästinenser das Land nicht verlassen dürften, es sei denn, sie besäßen einen ausländischen Pass. Wir sollten in drei Tagen erneut kommen und nach der Genehmigung fragen. Drei Tage später rief ich bei der israelischen Militärbehörde an und fragte, ob wir die Genehmigung bekommen könnten. Man teilte mir mit, dass meine Frau sie bekäme, aber ich nicht. Die Begründung lautete, meine Frau habe eine »Green Card«, aber ich nicht. Ich teilte ihnen daraufhin mit, dass ich als evangelischer Geistlicher einen Pass des Vatikans besäße. Der Soldat erwiderte:

»Dann füllen Sie bitte neue Formulare aus, legen eine Kopie Ihres Passes bei, und stellen Sie einen neuen Antrag.« Das tat ich.

Ich fuhr wieder zu der Straßensperre, um ein Taxi mit gelbem Nummernschild zu bekommen, aber da sah ich in der Sperre einen kleinen Durchlass, breit genug für mein Auto. Ich ergriff diese Gelegenheit und fuhr mit dem eigenen Auto zur Siedlung. Auf dieser neun Kilometer langen Fahrt beunruhigte uns die Vorstellung, was passieren könnte, wenn ein Siedler/eine Siedlerin zu der Auffassung käme, ihm/ihr passe unsere Anwesenheit auf dieser Straße nicht. Schließlich erreichten wir unser Ziel und erhielten unsere Genehmigungen. Wir kamen zur Straßensperre zurück und versuchten heimzufahren. Aber da stand jetzt ein israelisches Militärfahrzeug. Ein Soldat zielte mit dem Gewehr auf uns. Er sagte, wir sollten dahin zurückfahren, wo wir hergekommen wären. Ich versuchte meine Frau zu beruhigen und sagte, dass wir zu den anderen Straßensperren fahren würden, um zu sehen, ob es dort irgendwo einen Durchlass gäbe. Und jetzt begann unsere »Via dolorosa« von einer Straßensperre zur nächsten. Wir fuhren so über eine Stunde herum und dachten an die Dorfbewohner, die jeden Tag hin und her pendeln, und wie sie unter der Abriegelung Bethlehems leiden müssen. Zu guter Letzt fanden wir eine Öffnung in einer der Straßensperren und konnten in unsere Kleinstadt Bethlehem zurückkehren, bevor uns die Soldaten bemerkten und den Durchschlupf dicht machten.

Gestern, am 4. Januar, machten wir uns um halb zehn Uhr morgens in einem Auto mit gelbem Nummernschild auf den Weg zum Ben-Gurion-Flughafen, der ungefähr 45 Kilometer nordwestlich von Bethlehem hegt, um rechtzeitig zur Abflugszeit um 16.35 Uhr da zu sein. Die Soldaten an der Ausfahrt aus Bethlehem hielten unser Auto an, kontrollierten die Genehmigungen und erlaubten uns die Weiterfahrt. Wir kamen frühzeitig am Flughafen an und standen ganz vom in der Schlange. Wir reichten der Sicherheitsbeamtin unsere Pässe, Flugtickets und Genehmigungen. Sie schaute erst die Genehmigungen an, dann uns und dann wieder die Genehmigungen. Sie teilte uns mit, dass unsere Genehmigungen nicht gültig seien und dass wir nicht fliegen könnten. »Aber die Leute, die sie ausgestellt haben, haben mir gestern am Telefon versichert, dass sie gültig sind«, entgegnete ich. Sie sagte, dass sie das mit der Flughafenpolizei klären wolle. Die teilte ihr mit, dass die Genehmigungen ungültig seien.

Ich hatte mit allem gerechnet und mir deshalb die Telefonnummer der Militärbehörde eingesteckt, die die Genehmigungen erteilt hatte. Ich rief dort an und sprach mit dem Hauptmann, der mir versicherte, die Genehmigungen seien gültig. Ich reichte der Sicherheitsbeamtin das Telefon, damit sie sich selbst überzeugen konnte. Sie schickte einen weiteren Beamten zur Flughafenpolizei, der zurückkehrte mit der Antwort: Kein Palästinenser darf das Land verlassen. »Ich möchte selbst mit der Polizei sprechen«, sagte ich. »Suchen Sie sie selbst, versuchen Sie es am Auskunftsschalter«, war ihre Antwort. Inzwischen war ihr Chef gekommen und herrschte sie an, weil sie ihre Zeit mit Gesprächen mit uns verschwende. Sie ging fort, und ich begann meine Suche nach der Polizei. Meine Frau blieb beim Gepäck am Schalter zurück. Es wurde mir untersagt, zur Flughafenpolizei zu gehen, zu der man nur mit einer Bordkarte gelangen könne. Schließlich sagte man mir, ich solle zum Polizeihauptquartier gehen, das außerhalb des Hauptgebäudes auf dem Flughafengelände liegt. Als ich endlich dort ankam, wollte man mich nicht hineinlassen. Die Frau am Eingang wählte eine Nummer und reichte mir den Hörer. Ich erklärte der Polizistin am anderen Ende mein Anliegen. Ihre Antwort: »Kein Palästinenser darf das Land verlassen. So lauten unsere Anweisungen.« Sie weigerte sich, die Nummer der Militärbehörde anzurufen und mit ihr zu sprechen, und bestand darauf, dass diese mit ihr sprechen sollte. Ich rief den Militärbeamten noch einmal an und bat ihn, mit der Flughafenpolizei zu sprechen. Er versprach es mir. In den folgenden drei Stunden setzte sich unsere »Via dolorosa«, unser »Kreuzweg«, fort zwischen Militärbehörde. Flughafenpolizei und Sicherheitsdienst. Um 15.35 Uhr rief ich den Hauptmann in Gosh Ezion an, der mir sagte, dass er alles versucht habe, aber dass es Befehle gebe, die er nicht aufheben könne, und wir deshalb heute nicht fliegen können, aber dass ich warten solle, bis sich die Lage etwas entspannt habe.

Ich frage mich, wie sich denn die Lage entspannen könne, wenn sie Menschen weiterhin so behandeln. Was würden Sie an meiner Stelle tun, Mister President?

Viele Palästinenser, vor allem Christen, wandern aus. Sie gehen fort, um im »Gelobten Land« USA zu leben, und berauben so das »Gelobte Land« Palästina seiner Kapazitäten und seiner Verheißung. Andere werden radikalisiert. Die ständige unmenschliche Behandlung zerstört ihre Vorstellung von einem besseren Leben hier und jetzt. Wenn Sie behandelt würden wie diese Menschen, Herr Präsident, ich bin mir sicher. Sie würden sich auch nicht anders verhalten. Aber Sie werden nicht so behandelt... Doch wir Palästinenser müssen hier bleiben. Sei es zum Besseren oder Schlechteren, wir müssen mit welcher Vereinbarung auch immer leben, die von Ihrem Land ausgehandelt wird. Jetzt frage ich mich, was ich, Mitri Raheb, an Ihrer Stelle tun würde. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich sicherstellen, dass die Palästinenser wirkliche Souveränität und Kontrolle über ihre Grenzen erlangen, ihre »gesicherten« Straßen, ihren Luftraum, so dass morgen kein einziger Palästinenser mehr so behandelt wird wie ich dieser Tage. Ich spreche nicht von Luxus, sondern vielmehr von einem Leben ohne Demütigungen.Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich den Spuren Jesu folgen und alles nur Mögliche unternehmen, um Gerechtigkeit, Heilung und Hoffnung in dieses Land zu bringen, in dem vor 2000 Jahren das Göttliche der Menschheit ihre neue Bedeutung, Würde und Verheißung geschenkt hat.

Übersetzung: Elisabeth Tocha-Ring"

lienhard@pallast-publisher.com

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Tag der letzten Bearbeitung: 08.01.07