Lienhard Pallast:
Wenn Modemacher Krokodilstränen weinen
Zückerchen für Neonazis ?

Militärseelsorge, Bibelkritik, Kirchenkritik, Religionskritik, Bundeswehr, Militär, Christentum,
Moral, Bergpredigt, Töten, Soldaten

1973 - 2003
30 Jahre Verlag

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Zwei Buchauszüge:

Versuch einer Präambel

Mit unseren Grundrechten und den Allgemeinen Menschenrechten der UN wird ein Neonazi nichts anfangen können.

Um so mehr jedoch mit vergreisten Militarismus-Theorien, verschlissenen Imperialismus-Phantasien und alarmierend-riskanter Befürwortung ungenießbarer machtpolitischer Gewaltformationen in neu erdichteten Macht- und Militärblöcken.

Über so was Modisches finden neuerdings auch in bisher angesehenen Tageszeitungen ganz hervorragende Fortbildungskurse statt, deren Brauchbarkeit für Neonazis Schulung niemand in Zweifel ziehen wird.

Nicht überzeugend klingt es dann, wenn jene, die bisher Forbildungskurse durchführen ließen, nunmehr am Rechtsradikalismus Oberflächenkritik üben und Krokodilstränchen vergießen.

Wer als Zeitungsherausgeber oder als von diesem bestellter Journalist über vergreiste Militarismus-Theorien, verschlissene Imperialismus-Phantasien und alarmierend-riskante Befürwortung ungenießbarer machtpolitischer Gewaltformationen in neu erdichteten Macht- und Militärblöcken schreibt bzw. schreiben läßt, hätte eigentlich – bei pflichtgemäßer Sorgfalt – das Unterstützungspotential, das er allen Rechtsextremisten bietet, erkennen müssen. Wenn die Genannten dieses Unterstützungspotential nicht erkennen, sind sie dann in unserer Demokratie fehl am Platz?

Und wenn sie dann nach getanem Werk auch noch nachträglich weinerlich über die ach so böse Neonaziszene ratschen, sind sie dann nicht zumindest von allen guten Geistern verlassen?

Ich habe exemplarisch zwei Zeitungsberichte aus dem Kölner Stadt-Anzeiger zitiert, die, so vermute ich, geeignet sind, der rechtsradikalen Szene geistige Munition für Menschenverachtung zu liefern, aufbauendes Futter für unentschlossene Mitläufer bereitzustellen und Wasser auf alle rechtsdrehenden Mühlen zu gießen.

Versuch eines Vorworts

»Du schnaufst!« sagte meine Frau heute am Frühstückstisch vorwurfsvoll, und eine gerade anwesende Tochter, für deren Lebensbeginn ich mitverantwortlich gewesen war, nickte heftig. Dies machte mich, der gern unauffällig durchs Leben wandert, unglücklich, denn es schien der Beweis dafür, daß ich etwas absolut Einmaliges bin, zumindest Einmaliges an mir habe. Wer schnauft schon beim Frühstück? In meiner gesamten Verwandtschaft und in den Frühstücksräumen von Hotels, Pensionen oder wo sonst ich mich so rumgetrieben hatte, habe ich kein einziges Frühstücks-Mitesser-Schnauferl gehört. Ich werde mich ändern müssen!

Ansonsten bin ich jedoch gottseidank absolut unauffälliger Durchschnitt. Ich bin 1,71 Meter durchschnittsgroß, fahre ein ziemlich kleines Auto, werde jeden Tag um einen Tag älter, nehme mehr zu als ab, trage meinen Kopf oben und die Füße unten sowie meist abgewetzte Jeans, heißgeliebte Uralt-Schuhe und irgendwelche undefinierbaren Oberhemden, sitze oft am Schreib-Computer, trinke gern Kaffee und Rotwein, und stehe, wenn ich einen Stadtbesuch mache, gern vor Foto- und Computergeschäfteschaufenstern.

Wegen des Frühstückschnaufens habe ich mir heute überlegt, schnellstens weiterhin alle Anstrengungen auf mich zu nehmen, die noch mehr zu meiner absoluten Unauffälligkeitsbildung beizutragen.

Was tut einer heutzutage, der sich absolut unauffällig zeigen will? Er kauft sich die neue bundesdeutsche Unauffälligkeitskleidung, die dazu verhilft, überall absolut nicht mehr aufzufallen. Das sind Springerstiefel, tarnfarbene Hose und Bomberjacke. In der Hand muß man dann auch noch etwas halten, nämlich vormittags einen Baseballschläger, nachmittags etwas ähnliches wie eine Reichskriegsflagge und ab Dunkelwerden vielleicht einen Ehrendolch nebst Eisernem Kreuz oder andere kriegerische Militaristen-Devotionalien. Nicht schlecht sind darüber hinaus Tätowierungen, möglichst aus der Bilderreihe »Alte Germanen«, »Preußentum« und »Militarismusgeschichte«.

Solcherart verkleidet werde ich mich sicher wohlfühlen. Aber ich werde Vorsicht walten lassen, Tätowierungen gehen später kaum noch runter!
So hoffe ich, ein ganz und gar unauffälliger Mensch meiner Zeit zu werden. Ich habe mir zwar noch vorgestellt, mir eine Glatze rasieren zu lassen, aber es dauert ja so lange, bis das gute Haupthaar nachgewachsen ist, falls längeres Haupthaar bei kurzfristig einsetzenden Änderungen in den Zeitenläuften zur Unauffälligkeitsbildung eher beiträgt als eine Glatze. Außerdem habe ich einen unschönen, musikalisch-abgeplatteten Hinterkopf, und der sieht im Skinheaddress sicher nicht gut aus; und was nicht gut aussieht, trägt absolut dazu bei, eine gewisse Einmaligkeit herbeizuführen, die ich ja vermeiden möchte. »Also, Glatzkopf«, so sagte ich mir, »du machst den Kohl auch nicht mehr fett.«

Ich bin sicher, daß es genug moderne Leute gibt, die zur Skinhead-Modebildung offen oder verschleiert beitragen. Der Umkehrschluß lautet: Wer Skinheads, die noch keine sind, zu Skinheads macht, gehört zur Modewelt.

Die Modemacher kommen aus allen Ecken und Kanten. Es sind die Altnazis, die Neonazis, die Halbnazis, die Möchtegernnazis und die verschleierten Modemacher.

Die sich in Nadelstreifen präsentieren, sind vermutlich die edelsten Modemacher, sofern sie sich ordentlich tarnen. Wenn aber einer in Nadelstreifen umherläuft, muß das noch kein Edelmodemacher sein. Das einzige, was man mit Sicherheit sagen kann, ist, daß unter Nadelstreifen einer steckt, der distinguiert bis handverlesen aussehen möchte.

Ja, was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja, ich wollte sagen, daß diese Modemacher unter günstigen Voraussetzungen besonders effektiv dazu beitragen, der Mode mit Springerstiefeln und Bomberjacken auf die Beine helfen. Je distinguierter und je unauffälliger diese Modemacher daherstelzen, desto effektiver wirken sie.

Die, die Skinheads werden wollen und dazu noch nicht so ganz wild entschlossen sind, brauchen ihre anspornenden Vorbilder. Zum Beispiel Eltern, die sagen, bei Adolf hätte eine Frau noch nachts um drei Uhr im Dunkeln auf die Straße gehen können, bei Adolf wären lichtes Gesindel, arbeitsscheue Ausländer und Judenpack noch in vernünftige Arbeitserziehungslager gekommen, bei Adolf hätte man den Soldaten noch richtig die Hammelbeine langgezogen, bei Adolf wäre die Vorstellung, Lebensraum für das Volk zu schaffen, leider, leider danebengegangen, bei Adolf wäre wirklich keiner, aber auch gar keiner vergast worden, bei Adolf hätte das Reden über den Krieg und jede Art von Militarismus noch einen Sinn gehabt, bei Adolf wäre ein Soldat noch ein hochangesehener Held gewesen, bei Adolf hätte ein Politiker ohne Wehrmachtsuniform nach nichts ausgesehen, und ohne Adolf wäre das Leben in der Teutschen Nation auch heutzutage sowieso kaum lebenswert! Wenn doch wenigstens Rudolf Hess wiederkäme.

Na ja, da gibt es noch einige Menschen, die vermeinen, Modemacher wären möglicherweise nicht besonders gut für die Ausbildung von Unauffälligkeitsmode geeignet. Ja, um Gottes Willen, Modemacher brauchen wir ja so dringend! Alle! Von jeder Sorte! Wer soll denn die Gemeinde der Skinheads am Leben erhalten und wer für ihre sichere Vermehrung sorgen? Jeder, den wir kriegen können! Alle Modemacher müssen an der Front bleiben. An der Front der Bücherschreiber, Internet-Anbieter, Zeitschriften- und Zeitungsmacher sowie Prediger auf Kongressen oder sonstwo.

Sobald es einen Modemacher gibt, der eine Zeitung herausgibt, kann er sein Publikum nicht über Predigten erreichen; er muß also schreiben oder schreiben lassen. Zum Schreiben lassen sucht er sich die aus, die in seinen Kram passen.

Der Modemacher an der Druckpresse schafft eine Menge. Sein Vorteil: Der Teutsche Leser ist druckgläubig. Ein Druckgläubiger ist einem Kirchengläubigen ebenbürtig, denn der Druckgläubige schaltet sein Gehirn nie ein, wenn er seine Zeitung öffnet, denn er glaubt den Journalisten alles. In gleicher Weise verfährt ja auch der Kirchengläubige, der sein Gehirn nie einschaltet, wenn er unter der Predigtkanzel sitzt.

Das ist phantastisch. Praktisch. Brauchbar. Unübertroffen. Also will ich eine Untersuchung anzetteln, um herauszufinden, ob und wo es solche Modemacher wirklich gibt. Meine Verwandtschaft sehe ich dann schon wieder, wie sie sagt:»Da hast du aber ein schönes Hobby, Jungchen, das alles schreiben und drucken. Hauptsache, du fühlst dich wohl dabei. Und mach ruhig weiter so. Dann hast du auch keine Langeweile.« Und dann kriege ich symbolisch ein Zückerchen in den Mund geschoben und werde lieb getätschelt.

Nein, so einfach ist das gar nicht, sich wohlfühlen. Meine Antwort darauf war früher immer so:»Wer über die Mode mit den Springerstiefeln schreiben will, muß persönliche Opfer bringen, und dazu gehört auch, nicht verstanden zu werden!«

Sobald ich das jeweils gesagt hatte, sah ich meine Worte wie Zigarettenrauch in die Ohren meiner Verwandtschaftsangehörigen reinsausen und sofort wieder raussausen. Das war beim erstenmal. Beim zweitenmal haben die schon nicht mehr richtig zugehört; und meine Worte gingen wie Zigarettenrauch nur an einem Ohr rein und sofort am anderen raus. Man konnte es gut sehen. Bei drittenmal habe ich den Weg meiner Worte ebenfalls optisch verfolgt: Sie machten vor den Ohren schwupps kehrt und weigerten sich, darin zu verschwinden, weil alle Gehörgänge fest verschlossen worden waren.

Dies ist nachweisbar, weil andauernd stereotyp gesagt wird: »Da hast du aber ein schönes Hobby, Jungchen, das alles schreiben und drucken. Hauptsache, du fühlst dich wohl dabei. Und mach ruhig weiter so. Dann hast du auch keine Langeweile.« Und dann kriege ich symbolisch ein Zückerchen in den Mund geschoben und werde lieb getätschelt.

Ach, da fällt mir noch ein zweiter Satz ein:»Sitzte schon wieder vor dem dämlichen Schreib-Computer?«

In Variation zwei lautet dieser Satz:»Du hängst ja nur noch vor deinem Schreib-Computer!« Oder:»Dat Dingen schmeißen wir am Besten irgendwann mal raus!« Oder:»Wie kannste dat nur so schreiben? Du wirst dir noch die Finger daran verbrennen!« Oder:»Dat interessiert doch jarkeinen!«


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