»Dem Kölner Stadt-Anzeiger ein dreifaches Sieg Heil?«
oder
»Eine Zeitung verliert ihre Unschuld?«

Militarismus, deutscher Militarismus, Neomilitarismus, europaeischer Militarismus, europaeischer Imperialismus,
deutscher Machthunger, europaeischer Machthunger, fossiler Militarismus

1973 - 2003
30 Jahre Verlag

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Der Kölner Stadt-Anzeiger brachte am 07.06.99 auf Seite 4 den (sicherlich gezielten, aber auf wen oder was gezielten?) Versuch eines Leitartikels, der nach meiner persönlichen Einschätzung das windigste Traktätchen für vorbereitenden Neo-Militarismus (Volksverdummung bester teutscher Provenienz) war, das ich letzter Zeit in der mir bekannten deutschen Zeitungslandschaft würdigen konnte. Dazu habe ich Meine ANmerkungen gegeben.

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»Uwe Knüpfer:
Die USA mußten für Europa siegen
Künftig soll die EU auch Militärbündnis sein

Amerikas Krieg, Europas Frieden? Daran stimmt allenfalls, daß die USA den Löwenanteil der Kosten des Bombenkrieges ums Kosovo trugen. Und daß die Europäer den Wiederaufbau des Balkans bezahlen werden. Der Krieg war teuer, der Frieden wird noch teurer werden. Keinen Pfifferling war uns der Balkan vor dem Krieg wert. Nun ist kein Preis zu hoch, wenn Europa wieder Frieden haben kann.

Die Opposition im amerikanischen Kongreß erlag der Versuchung, von "Clintons Krieg" zu sprechen. Das mag sie nun bedauern. Denn wessen Krieg es war, dessen Sieg es ist. Dabei war die "Kampagne" ums Kosovo nicht weniger ein Krieg der Europäer. Sie und die Amerikaner haben dem Serbenführer Milosevic gemeinsam mit Bomben gedroht und sich gemeinsam verkalkuliert. Milosevic hat weder die Drohung noch die Europäer ernst genommen.

Es blieb den Amerikanern überlassen, die Bombendrohung wahr zu machen. Denn bisher haben nur sie das Gerät, Kriege fern der Heimat zu führen. Nur sie waren imstande, High-Tech-Bomben auf Serbien abzuwerfen. Sie übernahmen in dem Bombenkrieg die Führung, weil nur sie es konnten. Sie halfen Europa, wohl zum letzten Mal in diesem Jahrhundert, aus der Patsche.

Die USA hatten und haben kein strategisches Interesse am Kosovo. Wofür bombten sie dann, außer für den Sieg der Menschenrechte und für die Rückkehr der Flüchtlinge – die zum überwiegenden Teil erst flohen, als die Bomben fielen?

(Meine Anmerkung hierzu: Als der Kosovokrieg "gewonnen" war, wurden nunmehr im Kosovo lebende Serben von den zurückgeflüchteten Kosovo-Albanern vertrieben; das Ganze lief jetzt »rückwärts« ab, so etwa nach dem Motto "hauste mir, hau ick dir", und der Krieg brachte erwartungsgemäß keinerlei Frieden, sondern wiederum Vertreibung. Und die Kosovoalbaner trieben die Serben. Es folgten schon wieder grausame Massaker, Abfackeln serbischer Häuser und ganzer serbischer Dörfer, Plünderungen, Erschießungen, "Vergeltungsmaßnahmen", ethnische Säuberungsversuche. Vermutlich wird die Nato jetzt ab sofort Bomben gegen die Kosovoalbaner werfen. Muß ja auch sein, denn wo bliebe da der Proporz der Waffenhersteller und -lieferanten und der Nato? Danach werden die Serben wieder Oberwasser bekommen, und dann werfen die Amis wieder Bomben auf die Serben, und das Hin-und-Her-Bombenwerfen wird zum Wohle der Rüstungsindustrie sicher noch längere Zeit andauern..

Bombenwerfer der Nato werfen ihre Bomben auch sicherlich recht bald aus natotypischen Gründen – also hoch-moralischen Gründen – in logischer Folge gegen die Türken, weil sie die Kurden drangsalieren und die Nato ja absolutissimo-moralisch ist. Es gäbe noch mehr, was die Nato demnächst in logischer Folge bebombt.

Wozu haben Amis und Europäer sich diesen Krieg überhaupt "zurechtgebombt"? Der neunmal-kluge Uwe Knüpfer (er wird sicher bald »Uns Uwe« genannt werden!) weiß es genauestens. Man lese weiter, staune und bilde sich.)

Sie bombten für die Neuerfindung der Nato und für die Stärkung Europas. (Meine Anmerkung: Wie kann man sich geistig nur so entkleiden?) Der Krieg um's kleine Kosovo brachte große Steine ins Rollen. Seit Jahren schwelte der Streit um die künftige Rolle der Nato. Nun ist er entschieden. Würde die Nato ein reines Verteidigungsbündnis bleiben, oder übernähme sie den Auftrag, regionale Konflikte zu lösen, Brände zu löschen, auch außerhalb des Bündnis-Gebiets?

Im Kosovo ist diese Frage beantwortet worden: im Sinne der Amerikaner. Die neue Nato wird im Ernstfall ein "Dienstleistungszentrum" für die Fortsetzung der euro-amerikanischen Politik mit militärischen Mitteln sein. Auch die Europäer werden künftig stärker versucht sein, ihre Politik mit glaubhaften militärischen Drohungen zu untermauern

(Meine Anmerkung: Mit den Grünen schaffen wir das spielend!).

Darauf vorbereitet zu sein ist eine Lehre der Kosovo-Krise. Deshalb wird die EU künftig auch ein Militärbündnis sein. Auf dem Gipfel von Köln hat sie sich dazu durchgerungen.

Clinton überließ es den Europäern, sich in Köln als Friedensstifter zu feiern – als hätte nicht der stellvertretende US-Außenminister Strobe Talbott jeden Satz des russisch-europäischen Friedensplans mitformuliert. Clinton gönnte Europa den Triumph. Europa hatte ihn nötig.

Die Regierung Clinton hat die Europäer auf deren Weg zu stärkerer Einheit stets unterstützt. Er ist davon überzeugt, es liege im Interesse der USA, daß Europa erwachsen werde. Nicht alle Vorgängerregierungen in Washington waren dieser Auffassung. Die Europäer haben Glück mit Bill Clinton.

Ganz nebenbei nutzten die Generäle im Pentagon den Krieg als Chance, ihre neuesten Waffensysteme unter Bedingungen zu testen, die kein Manöver ihnen bieten kann. Und sie leerten veraltete Arsenale. Ein wehrhaftes Europa aber wird seine Truppen auf- und umrüsten müssen. Es wird dazu nur mit US-Hilfe imstande sein. Die Europäer werden in den USA Gerät und Waffen einkaufen. Die vom Ende des Kalten Krieges hart getroffene US-Rüstungsindustrie freut sich seit Jahren darauf.«

Meine Anmerkung: Na denn mal ein freundliches Prösterchen auf den Haushalt der Deutschen Wehrmacht und ein liebes Sieg Heil auf Politiker, Kaserneninsassen, Neo-Imperialisten, Neo-Militaristen, Gazetten und Käsezeitungen unterster Schublade sowie Waffenproduzenten. Früher gab es ja mal eine Bundeswehr mit einem Verteidigungsminister, jetzt haben wir einen Kriegsminister (stellt Bednarz von Monitor fest), der die neue, stramme Deutsche Wehrmacht kommandiert. Für sämtliche Angriffskriege und Gleichwertiges.

So weit das Traktätchen aus meiner Gazette, die ich persönlich vor noch nicht einmal so langer Zeit als gute und »richtige« Zeitung angesehen hatte. Ob ich diese Gazette jetzt kündigen werde? Um Gottes Willen, nein, bloß nicht, denn bei Frühstücks-Ei möchte ich jeden Morgen die Garantie haben, hellauf lachen zu können; das schafft sonst keine andere Zeitung, und so ist jeder neue Tag gerettet!

Hier noch ganz schnell eine erläuternde Schlußbemerkung:

Ich frage mich, wie es kommt, daß ein Herausgeber einer bisher als absolut seriös bekannten und sehr angesehenen Tageszeitung derart fahrlässig mit der Auswahl seiner Schreiber umgeht, daß sowas wie vorstehender Leitartikel-Versuch »Die USA mußten für Europa siegen« überhaupt gedruckt werden durfte. Da kann ich nur noch als überzeugter Satiriker meine happigen, angespitzten und scharf gedengelten Anmerkungen geben; anders – so finde ich – geht es schon nicht mehr! Die Überschrift für meinen vorstehenden Gesamttext könnte auch so lauten:

Fahrlässige Gedanken, erdacht von einer neuderdings nach ur-preußischer Provienienz aussehenden Zeitung, formuliert im Zeichen eines gedankenträgen, altertümlichen und absolut überholten Militarismus- und Imperialismus-Verständnisses.

 

Trägt nicht gar mancher »eine unsichtbare Pickelhaube«, dem eine Zipfelmütze oder sonstwas Harmloseres, Geistvolleres, Humorvolleres, Friedlicheres, Freundlicheres oder Zweckmäßigeres viel besser zu Gesicht stünde? Sogar ein Heiligenschein wäre eine überdenkenswerte Alternative – jedoch benötigt man zum Erwerb des den Kopf so apart zierenden Heiligenscheins einen Papst, der über die Heiligsprechung befindet; einen dienstwilligen Papst zu finden ist seit Pius XII, der mit Hitler so phantastisch einvernehmlich kollaborierte (Nazi-Reichskonkordat von 1933), in unseren Zeiten wirklich das geringste Problem.

Mit freundlichen Satirikergrüßen
Ihr
Lienhard Pallast

Siehe auch Essay »Der gekochte Frosch«

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