»Wat die alte Wehrmacht von der neuen unterscheidet«

Ein selbstjemachter Aufsatz des kölnjebürtigen Zeitjenossen Lienhard Pallast
als jemeinnützige Anmerkung zu dem Zeitungsbericht „Eine vertane Chance" aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 21.Mai 1999

1973 - 2003
30 Jahre Verlag

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Leseprobe (Buchauszug)

Teil I
Der selbstjemachte Aufsatz

Na, wat soll ich dazu sagen, dat die alte Nazi-Wehrmacht eine janz persönliche Ausstellung in Köln bekommen hat. Ist sie uns ja auch absolut wert jewesen!!! Und die Verbrechen, die da jezeigt werden auf den Fotos, hat es die überhaupt jejeben? Wat sagt zum Beispiel der Wissenschaftler zu einem Foto, auf dem einer oder janz viele aufgehängt zu sehen sind? Darf man ohne den juten wissenschaftlichen Fingerzeig wat solo – ohne jross zu fragen – dazwischenrufen? Und wenn, wat einem Laien da entschlüpft ist, ist dat eine Sünde wider den Heiligen Geist?

Ich hätte eigentlich vorher den Kölner Stadt-Anzeiger fragen sollen, denn dä war so schlau, und hat einen jefragt – sojar ne Freiherr war dat, der sich im Stadt-Anzeijer jeäußert hat. Und wat ich dazu zu sagen hätte? Der Mann ist joldrichtig. Warum? Er hat doch partout in die richtige Denkkerbe jehauen, und wer tut dat noch heutzutage in der hochgradig modernen Zeit so fürchterlich furchtlos? Da sage ich auch wat, janz frei heraus:

Erstens hat der Stalin verkleidete Kummenisten, die orijinal wie deutsche Soldaten ausjesehen haben, die eijenen Russen abmurksen lassen. Sowat is ährlich einfach, denn ehe die toten Russen wat gemerkt ham, waren se ja schon tot! Dat dat also unsere jute, alte deutsche Wehrmacht jewesen sein soll, ist also janz fürchterlich jestunken un jelogen. Dat waren auch noch Ungarn oder sowelche fremdeingekleideten Soldaten vom Ausland und von sonstwo janz weit her, die dat waren. Überhaupt wird in der Wehrmachtsausstellung fürchterlich jestunken und jelogen, jefälscht, manipuliert, diffamiert (ährlich, dat hab ich so jelesen!) und pauschaliert. Dat, wat man Unrechtstaten der Wehrmacht nennt, war also nix anderes als die janz, janz jroße Ausnahme! Und die Wehrmachtsausstellung hätten se sein lassen sollen. Bei soviel Hundsgemeines, wat über die deutschen, so braven Landser geredet wird.

Zweitens waren dat ja nit die oder nit so viele Wehrmachtsoldaten oder kaum welche, die so wat jemacht haben sollen, sondern die SS und der Hitler und der Jöring und dä Himmler und die politische Führung von den Nazis, von der mir ja soviel damals hatten; der teutsche Landser ist also praktisch reinjewasche und praktisch vollkommen unschuldig! Und mal ährlisch, die paar, die mal wat dummes jemacht ham, die sind ja wohl janz, janz wenije! Wurde ja mal auch Zeit mit so ner zeitungsunterstützten Landserwäsche! Ach Jott, wenn dat unser seliger Adolf noch hätte erlebt! Aber der ist ja den Heldentod gestorben und im Führerbunker in Berlin vor dem Feind ehrenvoll gefallen. Wie all die anderen jefallene Landser. Heldentod ist und bleibt Ehrentod – oder so. Ich kann dat nicht so jut erklären als wie der Freiherr, der wo im Kölner StadtAnzeiger sich so wohlgefällig ausjedrückt hatte!

Drittens sitzen die verantwortlichen Biamten der Stadt, die für die Sauerei mit Namen "Wehrmachtsausstellung" verantwortlich waren, auf ihren dummen, fetten und faulen Biamtenhintern und sollten lieber mal arbeiten statt sowat Blödes anzurühren!!! Von nix ne Ahnung und dann so einen ehrenrührigen Mumpitz anrühren!

Viertens darf nur ja nicht ein Fleck auf unsere neue Wehrmacht fallen, denn da sind ja wieder Landser, die wir nicht beflecken dürfen. Aber, ich habe gehört, dat sollen janz andere Landser als wie früher sein, und darum sagt man ja auch Bundeswehr statt Wehrmacht. Dat is aber, wenn man mal ährlisch sein soll, eijentlich janz jleich, denn – kucke mir mal auf einen Verjleich – die Wehrmacht von den Amis hat ja noch vor wenigen Jahrzehnten fürchterlich in Vietnam jehaust – haarjenau wie die nich so janz pingelig demokratische deutsche Wehrmacht früher im Osten, sagt man. Ach nä, dat wollte ich ja so nich sagen, aber nun isset eraus. Und die Ami-Wehrmacht soll ja auch so demokratisch sein wie die neue Bundeswehrwehrmacht? Also, sagt da so ein krummer Hund, den ich persönlich kenne, eine Demokratie kann nicht dafür jarantieren, dat die auch eine demokratische Wehrmacht bekommt oder behält. Oder so ähnlich.

So kommt alles auf die Reihe, und ich soll jetzt janz leicht beweisen, dat dat alte deutsche Militär und die Ami-Wehrmacht und die Bundeswehrwehrmacht jenau dat jleiche sind? Wat ma ja auch nicht kapiert, aber trotzdem versteht, wenn mir mal kucke, dat und wie die alten, wertvollen Durchhalte-Nazigeneräle wert jewesen waren, ihre Namen für die Kasernen der neuen deutschen Bundeswehrwehrmacht auf messingpolierten Kasernentorschildern leuchten zu sehen. Die neue teutsche Bundeswehr wird schon wissen, wie sie sich selbst einsortiert in die Jeschichte!

Fünftens hat der treue Landser keinen Russen verhungern lassen, denn die sin alle erstens von janz alleine verhungert und zweitens, weil die Naziführung dat so wollte, nicht aber der Landser von der Wehrmacht. Der war immer treu und redlich und tat nie nix Böses! Und aufjehängt hat der treue Landser keinen einzijen, es sei denn, der wäre direktemang in die Schlinge reinjestolpert, und dat hat et vermutlich janz sicher massenhaft jejegeben. Also ährlisch, die Wehrmacht hatte in ihren Reihen ne Menge Widerstandskämpfer. Muß so jewesen sein. Denn der Freiherr von im Stadt-Anzeijer weiß dat und sagt dat so auf seine Weise. Oder so.

Sechstens sind die Verbrechen der Landser ja erst dann Verbrechen, wenn die Verbrechen heutzutage wissenschaftlich aufgemöbelt werden. Ohne Wissenschaft jeht nix! Oder: Ohne Wissenschaft jibt es kein einziges Verbrechen der Wehrmacht! Dat zu untersuchen haben die Beamtenhintern aber bisher versäumt. Sind sie selbst schuld, dat sie so blöd waren und sich nun wat an die Köppe schmeißen lassen müssen!

Siebtens is ja klar, dat et früher wie heute so viele Gruppierungen parteiischer, antimilitärischer, pazifistischer Primitiv-Vereinigungen gibt, die nit klar kucke könne, weil sie keinen Sinn für dat Jrobe ham. Bloß für dat Jewaltfreie. Wie die Besoffenen! ährlisch, so jeht dat nit! Enä! So kammer keine Krieg jewinne, und zum Beispiel auch im Kosovo muß man nur jenug bomben, schießen, knallen, die Leute abmurksen (zur Not auch weitermachen, wenn ein paar Zivilisten draufjehen, Opfer müssen von allen jebracht werden!) und – wenn man dat lang jenug jemacht hat – alles kapott maache. Denn nur, wat janz kapott iss, dat iss besiegt, und besiegen muß man die Verbrecher doch, sonst kann mer die Kosovo-Flüchtlinge, die noch nicht tot sind, nicht zurückführen in den Kosovo. Dafür tun mir dat ja alles und für nix anderes!!! Für die Flüchtlinge bomben wir moralisch gefestigt und für die Flüchtlinge sammeln wir bei moralisch Gefestigten Spenden! Aber wo die zurückgekehrten Flüchtlinge dann wohnen sollen, weiß ich nit zu sagen, aber dat werden die Militärs schon hinkriegen. Da lassen die Waffenproduzenten, die sich jerade dumm und dusselig verdienen, einfach mal bei der Bevölkerung den Hut rumjehen, un ruckzuck is der voll! Vor allem der deutsche Kriegsminister wird den Menschen auf die Sprünge helfen, wenn der Krieg erst einmal jewonnen worden ist. Oder hat sich Bednarz vom Monitor im Fernsehen vorige Woche versprochen, als er »Kriegsminister« jesagt hatte? Soll der, der angreift, am Ende doch ein Verteidijungsminister statt Kriegsminister sein? Und vor einer neuen Ausstellung Verbrechen der Kosovo-Einsatz-Bundeswehr wäre mir nit bang, denn auch die müssen ja erst wissenschaftlich aufgearbeitet werden, ehe man sie so nennen darf, und dat jeht nur langsam, janz langsam. Wenn et soweit ist mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung, interessiert sich per se kein Mensch mehr dafür. Oder hat heutzutage noch jemand Interesse an Feldzügen von Alexander dem Jroßen? Oder so.

Na ja, wat mir jetzt noch so direktemang einfällt, wat ich jelesen habe und wat unser Kriegsminister nun wirklich nicht lesen darf, aber lesen sollte, damit er weiß, wat er nicht wissen sollte, aber wissen müßte und nicht wissen will und tut, wat er eigentlich tun müßte, aber immer noch nicht tun darf:

"Am Begriff »Mord« rieb sich Cyprian, zweifellos der bedeutendste afrikanische Bischof des 3. Jahrhunderts, denn er hatte bemerkt, daß die Gesellschaft das Morden durch Soldaten ganz anders bewertet als durch den einzelnen Bürger: »Der Mord ist ein Verbrechen, wenn ein einzelner ihn begeht; aber man ehrt ihn als Tugend und Tapferkeit, wenn ihn viele begehen! Also nicht mehr die Unschuld sichert Straflosigkeit zu, sondern die Größe des Verbrechens!«" Dat war dem Karlheinz Deschner seine »Kriminalgeschichte des Christentums«, ro ro ro, 1986, Seite 251. Und noch wat habe ich da jefunden: Seite 519, Zitat vom jroßen Shelley:

»Von dem Augenblick, da ein Mann Soldat ist, wird er zum Sklaven ... Man lehrt ihn die Verachtung menschlichen Lebens und Leidens ... Er steht tiefer als ein Mörder; ... ein Berufssoldat ist über alle Begriffe verabscheuungswürdig und verächtlich.«

Na, dat klingt mir ziemlich altmodisch. Ob sich die alten Christen da nicht geirrt haben? Und die neuen Christen viel besser sind als der altmodische Jesus von Nazareth? Der ja wohl viel zu pingelig jewesen war mit seinen Sprüchen, die er jekloppt hatte. Von wejen Bergpredigt und so.

Na ja, wenn dat Komplizierte nich alles so zum Heulen wäre, würde ich mich am liebsten kaputtlachen. Über die alten Militaristen. Über den Militaristenstaat, den wir immer noch haben, obwohl ich ihn eigentlich gern abschaffen täte. Aber da sind wer nicht mit einverstanden? Vielleicht Junker von der Mentalität "Mit Jott für Kaiser, Führer, Reichskanzler, Bundeskanzler, Bundesprädident, Kriegsminister und Vaterland"?, auch alle Freiherren und Grafen alter Klasse? Kirchen? Kardinäle, die jeden Quatsch predigen dürfen, den die wollen, und danach immer noch ernst jenommen werden? Pfarrgemeinderäte? Politiker? Gedankenschwache Zeitungen mit fossilen Herausgebern, so dat mer sagen kann, "Rechts ist nur noch die Wand"? Wirtschaftskapitäne, die vom Kriegswaffenverkaufen toll jut leben? Alte Kameraden? Neue Kameraden? Opas und junge Schnösel von der Bundeswehrwehrmacht? Berufskiller aller Arten? Unser Kriegsminister? Die neuen grünen Politiker, die sich gerade wasser- und feuerfest am Politiker-Sessel festgeklebt haben? Neonazis mit ihrer Kriegsfahne und wat noch alles? Juristen, die nach 1945 einfach umlackiert worden waren und weitermachten, als wäre nix passiert?

Nä, dat von allen Seiten ankucken wird mir jetzt wat zu kompliziert, und so lasse ich die Finger ganz vom Diskutieren und bringe lieber dat janze Opa-Original-Zitat vom Kölner IHK-Präsidenten, dem hochwohljeborenen Alfred Freiherr von Oppenheim, hierunter. Der Freiherr - wenn ihn keiner dran hindern tät - würde die Gegenwart bestimmt so richten, wie dat immer so war und nicht anders werden darf und nicht anders werden soll, wenn bloß richtig jewollt wird. Und überhaupt, da könnte sonst ja jeder Bekloppte kommen und womöglich wat anderes wollen als wie die, die den richtijen Durchblick haben. Und den richtigen Durchschuß!!

Also. Isch weiß et nit. Da habe ich im Spiegel noch wat gelesen, nämlich einen Schrieb vom Ralph Giordano. Also, Ralphi hat so getan, als wollt er eine Antwort auf den Klasse-Freiherrn von un zu Oppenheim persönlichst gegeben. Hier ist dem sein Schrieb:

Aus DER SPIEGEL 25/1999
»Die Wehrmacht sei in Nürnberg nicht den verbrecherischen NS-Organisationen zugeschlagen worden? Wen eigentlich tröstet heute noch diese Fehlbeurteilung? Die elementarste Wahrheit, daß der Krieg der Waffen das Hauptverbrechen Hitler-Deutschlands war, daß Artillerie, Panzer und Flugzeuge der Wehrmacht Millionen und Abermillionen von Nichtkombattanten Leben, Hab, Gut und Gesundheit geraubt und Europa in Trümmer gelegt haben, das hat die Gedankenwelt des Historikers Rolf-Dieter Müller offenbar nie erreicht. Selbst wenn die Wehrmacht an keinem einzigen Verbrechen des industriell betriebenen Massen-, Serien-und Völkermords beteiligt gewesen wäre – was kann das ausführende Organ eines verbrecherischen Angriffskrieges unter der verbrecherischen NS-Reichsführung und dem verbrecherischen Oberbefehlshaber Adolf Hitler zur Realisierung seiner verbrecherischen Eroberungs-, Unterdrückungs- und Ausrottungspläne objektiv anderes gewesen sein als verbrecherisch? Natürlich bedeutet das nicht, daß jeder Wehrmachtsangehörige im strafrechtlichen Sinn subjektiv ein Verbrecher war, wohl aber alle für eine verbrecherische Sache gekämpft haben. KÖLN, RALPH GIORDANO«

Na, und da hat noch so einer geschrieben (ich sage aber nit den Namen von dem, der da geschrieben hat), daß der Wehrmachtssoldat unbedingt so moralisch jewesen sein müßte, dat er von janz alleine dat Verbrecherische des Krieges und dat Verbrecherische vom Militär und dat Verbrecherische von allem Militär erkannt haben müßte. Aber, da sollen andere wat dazu sagen. Ich verbrenne mir jedenfalls nit die Finger am Diskuteere über Moral.

Teil II
Das Originalzitat

Vollständiges Text-Zitat aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 21. Mai 1999, Seite 8:

Wehrmachtsausstellung in Köln

„Eine vertane Chance"
Kölner IHK-Präsident: Unrechtstaten der Wehrmacht waren die Ausnahme

Am Pfingstmontag schließt die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung über Verbrechen der Wehrmacht in Köln. Der "Kölner Stadt-Anzeiger" hat sie mit einer Artikelserie begleitet, in der Historiker, Publizisten und engagierte Bürger von unterschiedlichen Positionen aus zu dem Projekt Stellung genommen haben. Den Schlußpunkt der Debatte, die Beiträge von Jost Dülffer, Dieter Wellershoff, Wolfgang Schieder, Michel Friedman und Lutz Klinkhammer umfaßte, setzt heute Alfred Freiherr von Oppenheim, der Präsident der Kölner Industrie und Handelskammer.

Von Alfred Freiherr von Oppenheim

Nun hat die kontroverse Ausstellung zum 32. Mal stattgefunden. Diesmal in Köln. Hausherr war der vom Rat beauftragte Direktor für Stadtgeschichte, Ort war das vom Bürger unterhaltene Stadtmuseum.

Die Ausstellung war und bleibt kontrovers, nicht nur weil sie zum Teil gefälschte, manipulierte oder von der Herkunft in der Öffentlichkeit nicht ausreichend dokumentierte Exponate zeigt, sondern auch, weil sie unter wissenschaftlichem Anspruch diffamiert, pauschaliert und die Wehrmacht als mit dem Nationalsozialismus identisch darzustellen versucht.

Völlig unverständlich ist, warum es die in Köln Verantwortlichen versäumt haben, den wissenschaftlichen Gehalt der Ausstellung zu prüfen. Im Verlauf der vorangegangenen 31 Präsentationen sind nicht weniger als 17 Bücher publiziert worden, die sich kritisch mit der Ausstellung befassen. Hat die niemand in Köln gelesen? Oder wollte sie niemand lesen? Kannte niemand die Untersuchungen über die Authentizität von vielen der gezeigten Bilder?

Inzwischen ist nachgewiesen, daß zu manchen Zeiten keinerlei Wehrmachtsteile in den angegebenen Regionen waren. Viele Bilder zeigen SS-Angehörige oder SD-Beamte, aber keine Wehrmachtsangehörigen - ohne jede differenzierende Kommentierung. Ungarische und finnische Soldaten werden in ihren von den deutschen abweichenden Uniformen als Wehrmachtsverbrecher präsentiert. Niemand in Köln scheint sich mit der Untersuchung befaßt zu haben, nach der auf nur 11 % der gezeigten 800 Bilder Wehrmachtssoldaten als Verbrecher dokumentiert sind. Nachlässigkeit? Unterschlagung der Wahrheit? Oder was soll man sonst noch davon denken?

In Köln ist die Chance vertan worden, die Wehrmachtsausstellung in einen größeren Zusammenhang zu bringen als den von ihr bewußt verengten Blick auf - oft angebliche - Verbrechen der Wehrmacht. Die Ausstellung will eine "Schuldsolidarität" zwischen der von der Partei beauftragten Truppe des Weltanschauungskrieges (der SS) und der damaligen Wehrmacht herstellen und damit die heutige Bundeswehr diskreditieren. Bezeichnend dafür ist die Liste der Träger des Beiprogramms - eine Gruppierung parteiischer, antimilitärischer, pazifistischer Vereinigungen, denen selbst angesichts der zahlreichen undemokratischen, militärischen und mörderischen Regimes in vielen Teilen der Welt - nicht nur in Jugoslawien - offenbar der Realitätssinn fehlt.

Dies ist als besonders schlimm anzusehen, weil sich die Ausstellung in starkem Maße an Jugendliche und ihre Lehrer wendet, die mit angeblichen Tatsachen konfrontiert werden, die aber sehr häufig sehr weit weg von der Wahrheit sind. Um so unverständlicher ist es, daß die für die Präsentation in Köln Verantwortlichen - der Rat, der Kulturausschuß, die Kulturdezernentinnen und der Museumsdirektor - nicht einmal ansatzweise versucht haben, die seit langem allen bekannten Tragödien, die der Krieg im Osten mit sich brachte, differenziert zu betrachten. Es hätte den Kölnern sehr wohl angestanden, wenn zusätzlich zur Ausstellung die Aspekte dieser Katastrophe für beide Völker auf Ursache, Wirkung und Zielsetzung hin herausgearbeitet worden wären.

Dies gilt zum Beispiel für die angebliche besondere Nähe, ja Affinität der Wehrmacht zum Nationalsozialismus. Die Museumsleitung gibt aber keinen Hinweis darauf, daß Soldaten schon im Reichswahlgesetz von 1920 vom Wahlrecht ausgeschlossen worden waren. Diese Bestimmungen wurden auch in die Neufassung des Wehrgesetzes von 1939 aufgenommen. Ebenso ruhte für die Dauer des aktiven Wehrdienstes die Mitgliedschaft in der NSDAP. Im Beamtentum, in der Presse, aber auch in der Arbeitsfront oder in der Wirtschaft war dagegen ohne aktive Mitarbeit in der Partei keine Karriere möglich.

Das "Vertrauen" der Führung und der Partei in das Heer bzw. der Haß auf den "Geist von Zossen" wird auch dadurch gekennzeichnet, daß in der zweiten Hälfte des Krieges Hitler und Himmler den Oberbefehl über das Heer bzw. das Ersatzheer persönlich übernahmen. Letzterer hatte im übrigen nie bei Marine und Luftwaffe das aufgebaut, was er mit der Waffen-SS beim Heer getan hatte. Dem "unzuverlässigen" Heer mußten "Korsettstangen" eingezogen werden.

Gegen Ende des Krieges wurden die militärischen Befehlshaber den Reichsverteidigungskommissaren, d. h. den Gauleitern, sprich der Partei unterstellt. Letztere stellten auch in eigener Verantwortung den Volkssturm auf.

Auch die unbestrittene Tatsache, daß die Wehrmacht oft Regimegegnern, Kritikern oder gar Verfolgten Zuflucht bot oder daß sie zwischen 1933 und 1945 dem Widerstand gegen die Diktatur immer wieder wesentliche Impulse gab, spricht dafür, daß sie dem Nationalsozialismus nicht bedingungslos hörig war. An der berüchtigten Wannsee-Konferenz, die auf Veranlassung von Göring als Chef des 4-Jahres-Planes unter Führung des Reichssicherheitshauptamtes stattfand und auf der über die Endlösung für die Juden Klarheit geschaffen werden sollte, haben alle möglichen Reichsbehörden teilgenommen, aber nicht die Wehrmacht.

Schlimme Saat im Osten

Neben diesen übergeordneten Punkten des Verhältnisses Partei/ Wehrmacht, auf die man eingangs und im Begleitprogramm hätte hinweisen können, gibt es viele weitere Fragen, die eine eingehende Untersuchung verdienten.

Die Lage im Osten - in Verbindung mit der von Anfang an extrem grausamen Kampfführung seitens der Roten Armee - schuf allerdings von vornherein einen Boden, auf dem schlimme Saat auch bei der Wehrmacht zumindest teilweise zwangsläufig aufgehen mußte. Der Krieg im Osten unterschied sich im Charakter grundsätzlich von anderen Kriegen, die Deutschland führte. Er war geprägt vom Gegensatz zweier totalitärer Weltanschauungen - dem Marxismus/Leninismus auf der einen Seite und dem Nationalsozialismus auf der anderen. Der "bolschewistische Untermensch" in den Augen Hitlers hier und die "faschistische Bestie" in den Augen Stalins dort. Der Krieg wies eine hohe Dimension des Grauens auf, dessen Spur sich von Babij-Jar bis Nemmersdorf verfolgen läßt.

Ein häufig gemachter Vorwurf ist, daß die Wehrmacht den sogenannten Kommissarbefehl widerspruchslos ausgeführt habe. Dieser Kommissarbefehl gehörte zu einer Reihe von Weisungen, die dem Kampf Deutschlands gegen die Sowjetunion von vornherein den eindeutigen Charakter eines Weltanschauungskrieges gaben. Sie verstießen daher auch eindeutig gegen geltendes Kriegsvölkerrecht, dessen Gültigkeit die deutsche Seite bis dahin nie in Frage gestellt hatte - anders als die Sowjetunion, die weder die Genfer Konvention noch die Haager Landkriegsordnung anerkannt hatte, obwohl Roosevelt im Verlauf des Krieges darauf gedrängt hatte.

Es gibt keinen Zweifel daran, daß die Initiative zur Erstellung der Sonderrichtlinien zum Unternehmen Barbarossa von der politischen Führung des Dritten Reiches und damit in erster Linie von Hitler selbst ausging. Unstrittig ist aber auch, daß die militärischen Spitzen der Wehrmacht daran beteiligt waren. Aber es gab bei denjenigen Stäben und Truppenteilen, die für die Ausführung solcher Anordnungen wie dem Kommissarbefehl verantwortlich waren, eine Reihe von Möglichkeiten, die fraglichen Weisungen zumindest "aufzuweichen". Deshalb gilt in jedem Fall das Gebot der Differenzierung; denn ebensowenig wie es Anlaß gibt, Unrechtstaten der Wehrmacht grundsätzlich in Abrede zu stellen, kann es auch keinen Zweifel daran geben, daß solche Handlungen die Ausnahme und nicht die Regel waren. Auf den "Kommissarbefehl" bezogen heißt dies, daß einiges dafür spricht, daß Tötungen gefangener Politfunktionäre (waren sie Kombattanten?) auf das Konto der Truppe gekommen sind.

Umgekehrt deuten aber viele Fakten darauf hin, daß die fraglichen Richtlinien gar nicht, unregelmässig oder zumindest widerwillig befolgt worden sind. Deshalb sind Urteile wie "mit wenigen Ausnahmen ist der Kommissarbefehl vollzogen worden" nicht mehr zu vertreten. Letzterer wurde schließlich auf Antrag der Wehrmacht aufgehoben.

ähnlich kontrovers wird über die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen diskutiert. Der Vorwurf an die Wehrmacht lautet hier, sie habe Hunderttausende, ja Millionen von ihnen planmäßig und bewußt verhungern lassen. Tatsache ist, daß nach den Eroberungen der Jahre 1939 und 1940 die Ernährungslage im deutschen Machtbereich angespannt war, weil die meisten besetzten Länder ihrerseits Lieferungen benötigten, da sie von ausländischen Zufuhren abgeschnitten waren.

In Deutschland hungerte zwar noch niemand, aber die "Emährungssicherung" hatte für die NSFührung einen hohen Stellenwert, insbesondere mit Blick darauf, daß der Hunger im Ersten Weltkrieg eine große Rolle beim Aufkommen der revolutionären Bewegung gespielt hatte. Nach dem zunächst schnellen und erfolgreichen Vormarsch der deutschen Armee im Osten hatte der Wirtschaftsstab Ost des 4-Jahres-Planes im September 1941 erstmals Richtlinien für die Ernährung der sowjetischen Zivilbevölkerung erlassen. Gleichzeitig wies Staatssekretär Backe vom Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft hohe Lieferforderungen der Wehrmacht nach Getreide und Fleisch zurück, da sonst die Fleischrationen im Reich gesenkt werden müssten; die Truppe müsse sich vollständig aus den besetzten sowjetischen Gebieten selbst versorgen.

Backe setzte die Wehrmacht derart unter Druck, weil er die Kriegsernährungsplanung unerwartet auf ein weiteres Kriegsjahr umstellen mußte. Darin unterstützte ihn Göring, der die Weisung ausgab, im deutschen Reich dürften die Rationen auf keinen Fall nochmals gesenkt werden. "Rücksichtslose Sparmaßnahmen" hätten ausschließlich andere Völker zu treffen. Bei der Ernährung der sowjetischen Kriegsgefangenen sei man "an keine internationalen Verpflichtungen gebunden". Die Wehrmacht war also gar nicht in der Lage, die in ihrer Gewalt befindlichen Gefangenen ausreichend zu versorgen. Der Hungertod der sowjetischen Soldaten ist eindeutig der Hybris und der Arroganz der politischen Führung anzutasten.

Zahlreiche weitere Probleme können hier nicht behandelt werden. Dazu gehört das der Einsatzgruppen im rückwärtigen Heeresgebiet. Dieses war in der Tiefe sehr begrenzt, die Macht dahinter wurde im wesentlichen durch die Dienststellen der Reichskommissariate, des Ostministeriums und des 4-Jahres-Planes ausgeübt. Eine weitere Frage ist: Konnten uns die Kölner Historiker anläßlich einer solchen Ausstellung nicht erklären, warum Kölner Partei- und Verwaltungsdienststellen als einzige im gesamten Reichsgebiet die Judendeportationen in den Osten weiter durchführten, nachdem sie auf energische Intervention des Heeres im November 1941 vorübergehend eingestellt wurden?

Problem-Partisanenkrieg

Diesen und einigen anderen Problemen hätten sich hiesige Historiker widmen sollen. Zum Beispiel dem Partisanenkrieg und in Zusammenhang damit dem "Fackelbefehl" Stalins von November 1941. Es ist bestätigt, daß Russen in deutschen Uniformen im Hinterland Dörfer niederbrannten und die Bewohner umbrachten. Nur einige durften überleben, die dann als Zeugen für "Verbrechen der Wehrmacht" herhalten mußten.

Eine umfassendere und differenzierende Darstellung der damaligen Ereignisse hätte uns geschichtsbewußten Bürgern Antworten auf viele Fragen geben können. Dann wäre eine solche nicht Köln-orientierte Ausstellung noch einigermaßen zu verantworten gewesen.

So bleibt aber eine Frage. Soll man sich schämen, daß die Kölner Verantwortlichen in einem friedlichen, rechtlichen Umfeld, abgesichert durch den Beamtenstatus, nicht die Zivilcourage aufbrachten, die sie so vollmundig von den Verantwortlichen vor mehr als 50 Jahren in einer Zeit der brutalen Repression einfordern? Oder soll man sie verachten, weil sie aus durchsichtigen Gründen auch in Köln auf den Zeitgeist bzw. die "politische Korrektheit" setzen (im Dritten Reich "Gesundes Volksempfinden")? Kann man sie etwa mit der "Selbstbezogenheit" der heutigen Generation exkulpieren, die offenbar nicht in der Lage ist, in historischen Dimensionen zu denken. Ich meine: nein!

Eine differenziertere Betrachtung ohne Polemik, aber mit zusätzlichen Anregungen wäre einer neuen oder intensiveren Nachdenklichkeit förderlicher als grobe Geschichtsklitterung, mit der wir der heranwachsenden Generation keinen Gefallen erweisen. In Köln wurde durch wissenschaftliche Oberflächlichkeit, die der Unredlichkeit sehr nahe kommt, eine große Chance verspielt, mehr Klarheit in ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte zu bringen.

 

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